XERIÓN

Nocturnal Misantropia (CD 2008)


Unverhofft kommt oft? Ach was, Sprichwörter und Redewendungen sind total überbewertet. Selbst verhofft kommt nur alle Jubeljahre mal, von unverhofft ganz zu schweigen. Ich muss auch zugeben, mich mit "Noctural Misantropia" nur aus einem gewissen Hang zur Vollständigkeit heraus beschäftigt zu haben, nicht etwa, weil ich sonderlich große Erwartungen hatte. Xerión haben schließlich seit 2001 haufenweise Demos und Splits rausgebracht, und was ich davon im Vorbeigehen gehört habe, war mitunter ziemlich schrecklich.
Deshalb bin ich mehr als nur ein bisschen überrascht, dass das erste komplette Album der Galicier seit Wochen bei mir rauf und runter läuft. Stilistisch muss man die Truppe wohl dem nordischen BM zuordnen, allerdings liegt die Betonung nicht so sehr auf grimmiger Kälte. Vielmehr empfinde ich das in der Hauptsache recht flotte Material als episch und mitunter erhebend-erhaben, nicht zuletzt da einige Melodien einen gewissen "folkigen" Charakter haben. Der Gesang sticht nicht sonderlich hervor, sondern ist Teil der Soundwand, was ich in diesem Fall ziemlich passend finde - doch habe ich mir sagen lassen, dass dies nicht jedermann gefällt. Auf nicht ungeteilte Gegenliebe dürfte auch die sehr basslastige Produktion stoßen, die man vorschnell als verwaschen abtun könnte. Doch spätestens unter Kopfhörern stellt sich heraus, dass die Aufnahme auch kleine Details zur Geltung bringt. Nur hat die Band eben einen mörderischen Bass aufgefahren - was nicht alltäglich ist, mir aber außerordentlich gut gefällt. Ähnliche viersaitige Urgewalt entfesselt beispielsweise das Zweitwerk von Skyforger. Das ist stilistisch natürlich eine etwas andere Baustelle, doch hier wie dort sorgt das Langholz für mächtigen Bumms.
Selbstverständlich bin ich nicht nur wegen des Basses so von "Nocturnal Misantropia" angetan, auch wenn dieses Stilelement natürlich für jede Menge Charakter sorgt und Xerión aus der Masse herausragen lässt. Nein, was mich an diesem Album seit Wochen begeistert, sind zum Ersten die großartigen Melodien, die mal vom (generell sehr dezent eingesetzten) Keyboard beigesteuert werden, mal von der (Lead)Gitarre. Darüber hinaus hat es mir vor allem das unglaublich effektive Schlagzeug angetan, denn ein so ausgeprägtes Taktgefühl ist eher selten. Der gute Mann mit den Stöcken hat immer den passenden Beat parat, und die perfekt plazierten, geradezu explosiven Rhythmuswechsel unterstützen den schon von der Produktion hervorgerufenen Eindruck von Energie und Durchschlagskraft.
Es ist sehr gut möglich, dass meine Begeisterung für "Nocturnal Misantropia" nicht allgemein geteilt wird; einige Gründe dafür habe ich ja bereits genannt. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Album für mich persönlich eines der besten und vor allem langlebigsten dieses Jahres ist. Da ist es letztendlich völlig egal, was der Rest der Welt von der Scheibe hält.

9 /10

Official Website

Schwarzdorn Productions

 

Erik
10.10.2008