GRAM

May I Never Hear Your Voices Again... (DigiPak-CD 2009)


Seit ich "May I never hear your voices again..." gehört habe, kenne ich ein neues Kriterium für die Kategorie "Ab wann ist eine BM-Platte schlecht?". Es lautet: "Wenn ein Akustikstück mit großem Abstand das beste Lied der Scheibe ist." In diesem Fall hört es auf den Namen "In Memoriam Sociae Amatae" und bietet fast vier Minuten voller warmer Melodien sowie verträumter Melancholie und damit auch schon das Beste, was dieser Silberling zu bieten hat. Denn sobald die beiden Herren den Distortionschalter an ihren Verstärkern umlegen und es auch da mit dem Schwermut probieren, macht sich bei mir als Hörer schnell Gram breit. Ob sich die Truppe vielleicht deswegen so genannt hat? Das sei mal dahingestellt, fest steht jedoch: Musikalisch ist "May I never hear your voices again..." ein ewig währender Kampf zwischen guten und schlechten Momenten, bei denen die negativen Seiten die positiven ein ums andere Mal erbarmungslos an den Rand der Kapitulation drängen. Es ist ja nicht so, dass jede Sekunde des Liedguts eine Gefahr für die eigene Gesundheit darstellt, denn das eine oder andere gute Riff hat sich dann doch eingeschlichen. Aber gerade im Bereich Songwriting besteht definitiv noch Besserungsbedarf, wie beispielsweise im Opener "Tired" zu hören ist. Da werden völlig sinnfrei Akustik- und Schrammelparts so wild durcheinander gewürfelt, dass jegliche Atmosphäre in Sekundenschnelle über den Jordan hopst. Und mal ehrlich: Überrascht das heutzutage wirklich noch jemanden ernsthaft, wenn eine BM-Kapelle einen Akustikabschnitt beendet, indem sie urplötzlich und natürlich völlig unerwartet mit einem Blastbeat plus Geschrei hinterm Baum hervorspringt? Wo wir gerade dabei sind: "Blastbeat" ist vielleicht nicht unbedingt der passende Begriff, denn das Schlagzeug tönt meistens ziemlich schwachbrüstig und tritt dank der immergleichen Standard-Rhythmen dankbar den Gang in die weitestgehende Bedeutungslosigkeit an. Ähnliches spielt sich beim Gesang ab: Mit unaufregendem Gekrächze und gelegentlichen "Rainer Landfermann mit Frosch im Hals"-Einflüssen haut man nun wirklich niemanden mehr vom Hocker.
Bisweilen drängt sich sogar der Verdacht auf, dass den Schaffenden die eigene Ideenlosigkeit nicht gänzlich verborgen geblieben ist – warum sonst würden sie das ordentliche Hauptriff des Titeltracks in ähnlicher Weise in den zwei darauffolgenden Liedern nochmals verwenden? Bezeichnenderweise sind das dennoch die besten Momente dieser Stücke, denn der Rest ersäuft mit wenigen Ausnahmen erneut hoffnungslos in seiner eigenen Banalität und schmälert den Eindruck der wenigen, guten Ideen deutlich. Was Gram hier abliefern, klingt wie gewollt, aber bei weitem nicht wie gekonnt. Die Lieder sind mit einer derartigen Gefühllosigkeit zusammengeschustert und schaffen es nicht ansatzweise so etwas wie einen Spannungsbogen aufzubauen – wie das den Hörer in irgendeiner Weise berühren soll, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln. Oder um es mit Gram'schen Liedtiteln zu sagen: Das Material macht "Tired" vor lauter Langeweile und der CD im Plattenspieler möchte man am liebsten "Leave" zurufen. Das Schlagzeug klingt bisweilen so kraftlos wie ein einzelner "Tropfenschlag" und ich frage mich langsam, wo der verdammte "Artemisia Absinthium" bleibt, damit man diese musikalische "Dark Cloud Formation" besser ertragen kann.

3 /10

Official Website

Temple of Torturous

 

Nachtwall
02.09.2009


Redaktionsbewertung:
Erik 3 Nacht 3
Gesamtdurchschnitt: 3