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Stippvisiten lohnen sich!
Vor einem sicher bis heute standhaften Szenekanon aus schwachbrüstigen Burzum-Nachäffern und versoffenen
Darkthrone-Kopisten kann man mit Seitensprüngen in andere musikalische Gefilde flüchten. Von Zeit zu Zeit
zahlt es sich aber doch aus, die Ohren ins wohl oftmals zu stiefmütterlich behandelte Subgenre Black Metal
zu stecken. Weht dort denn tatsächlich ein frischer Wind? Im Überblick wohl kaum. Beinahe übernatürlich
spärlich gesäte Perlen gab es vor 10 Jahren aber schon und glücklicherweise heuer ebenso.
Als zuletzt hinreichend abgefeiertes Werk muss hier nun "Víziók" von Aetherius Obscuritas bzw. dem
Alleinunterhalter Arkhorrl an den Mann. So scheint's mir doch, dass sich nicht nur Mörker (mit ihrem
"Höstmakter") authentisch und erfolgreich der Erfolgsrezepte allseits beliebter und gleichwohl prägender
Überalben aus Norwegen bedienen. Auch der eben erwähnte Mastermind aus Osteuropa durchbricht das Mittelmaß
indem er sich erquickend an Althergebrachtem vergeht.
Mit beinahe dreist eingängigen Melodien gelingen ihm allerlei Verzückungen. Ein glückliches Händchen beweist
Arkhorrl hierbei mit seinem Vermögen, deutliche Einflüsse und Orientierungspunkte sichtbar, aus eigenen
Ideen aber keineswegs klauende Nullnummern zu machen. So weiß man hier sehr gut, alten Taake die Ehre zu
erweisen, so wie einige Dramaturgien aus der romantischeren Hälfte Norwegens stammen könnten (siehe
"Mysterious Path Of Desires"). Dabei gibt man sich vorerst recht abwechslungsreich. Wo Keyboards bzw. Chöre
oder Flöten nur den entsprechenden Refrain würzen, ist man überdies recht geschickt mit Tempiwechseln, Breaks
und ähnlichem instrumentellen Firlefanz. Einer, wie erwähnt, beinahe frechen Eingängigkeit geht man selten
bis nie verlustig, da Melodien und Songaufbau immer wieder logisch ineinander greifen. Songdienlichkeit
schimpft man sowas heuer. Ich würde sogar Talent dazu sagen wollen. Denn an mitreißenden Passagen mangelt es
"Víziók" nicht. Wenn auch nach der groben Hälfte des Albums das Tempo dauerhafter angezogen wird, wissen die
Stücke mindestens zu überzeugen; oft auch zu begeistern. Dieser thematische Wandel wird durch ein famoses
Cover Ragnaroks ("Menedékem a Sötétségben" = "My Refuge in Darkness") eingeläutet, welches mir persönlich
sogar noch besser gefällt als das Original. In aller Subjektivität glückte also der Wagemut, die Qualität
der ersten Songs, trotz des strukturellen Wandels in Richtung Härte, zu halten.
Einzig "Black Moorland" tanzt konzeptionell völlig aus der Reihe, da hier der übliche Depri-BM-Einheitsbrei,
welchem man längst überdrüssig war, feilgeboten wird. Zwar geht dem Stück eine gewisse Hypnotik nicht ab.
Ins Gesamtbild passt er dennoch nicht und stört den Fluss des Albums. Erst nach dem sich anschließenden
Intermezzo, "Who Never Really Left", geht's wie gewohnt weiter und demnach zur Sache: Treibender Black Metal
mit einem Finger in jedem Topf; sei's nun technische Bodenständigkeit, herzblutige Leidenschaft, kesse
Cleverness, erwähnte Eingängigkeit oder überhaupt Qualität.
Einen Querverweis nach Westskandinavien gibt es allerdings noch: Arkhorrl klingt in seiner Monotonie einem
Früh-90er Grutle Kjellson zu "Yggdrasil"- oder auch "Frost"-Zeiten gar nicht mal unähnlich. Mit allerlei
Grimm vorgetragener, gepresster Gesang ohne viel Varianz also. Selbiger recht deutlich im Vordergrund
angeordnet, gibt der Scheibe ein Gros seiner Aggression und Ruppigkeit. Leider ging dem Schlagwerk etwas der
Druck abhanden, weshalb die Songs zwar melodisch enorm viel Drive erzeugen, die Taktstation aber
verhältnismäßig wenig dazu beiträgt.
Verzückungen also bietet "Víziók" zweifelsohne. Ob nun für Jedermann, sei mal dahingestellt. Subjektiv ist
dieses Album jedoch ein Lichtblick in Richtung Osteuropa und ein weiteres Indiz dafür, Black Metal doch als
Fundus qualitativ hochwertiger Musik schätzen zu müssen. Mörker, In Tormentata Quiete und Aetherius
Obscuritas haben es 2009 geschafft. Dem anstehenden neuen Jahr schleudere ich ganz klischeetauglich ein
besudeltes Kruzifix entgegen und sage: Auf ein noch Besseres! |
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