|
Kleine Denksportaufgabe: Was fällt Euch ein, wenn Ihr an Irland denkt? Vermarktungstaugliche und butterdauerproduzierende Wiederkäuer? Weltverbessernder Weichspülrock mit dem besonderen Charity-Bon-us? Oder doch die lustigen Religionskriege im Zeichen der Nächstenliebe? Nun, egal, für welche der drei Möglichkeiten Ihr Euch entschieden habt: Ab sofort sollte auch "atmosphärisch-apokalyptischer Black Metal" in eurem Oberstübchen mit dem beschaulichen Eiland in Verbindung gebracht werden. Der Grund dafür? Altar Of Plagues und ihr opulentes Meisterwerk "White Tomb", das mit der beschaulichen Idylle grüner, irischer Wiesen glatt mal eine komplementäre Beziehung eingeht. Geprägt von einer trostlosen Untergangsstimmung zeichnet der Silberling bedrückende Universen voll zurückliegender und doch zu erahnender Zerstörung - vor dem inneren Auge des Hörers ziehen sie vorüber, die vergilbten Bilder karger Landschaften mit vereinzelten industriellen Überresten der Menschheit als Mahnmal für deren Vergänglichkeit. "White Tomb" ist eine Reise - eine Reise, in Sepiatönen gehalten, vorbei an menschenverlassenen Einöden, an schroffen Felsen und vorüber an zerfallenen Wahrzeichen. Selten hat ein Plattencover seinen Inhalt besser getroffen als im vorliegenden Fall. Wenn es sich in Klängen prophezeien ließe, wie sich das letzte überlebende humanoide Wesen wohl fühlen würde, dann kämen Altar Of Plagues dem hiermit vermutlich verdammt nahe.
Dass Nathan und Aaron Weaver von Wolves In The Throne Room im Booklet mit Danksagungen bedacht werden, kommt übrigens nicht von ungefähr: Die majestätischen Riffwände wecken die eine oder anderen Reminiszenz an die US-Band, ohne dabei jedoch die nötige Eigenständigkeit vermissen zu lassen. Was das Erstlingswerk der Iren so einzigartig macht, ist seine Klangvielfalt, die dabei jedoch zu keiner Sekunde überladen oder zusammengestückelt wirkt. Im Gegenteil: "White Tomb" nicht an einem Stück zu hören, käme einem frivolen Akt der Blasphemie gleich. Auch wenn jedes Stück für sich stehen könnte, so fängt die düstere Spirale erst richtig an zu rotieren, wenn dem Konzept der Platte gefolgt wird und man sich von der ersten bis zur letzten Sekunde auf das Material einlässt.
Am "klassischsten" gibt sich noch der Einstieg "Earth: As A Womb" - atmosphärisches Gitarrengezupfe im Intro, knackiger Blastbeat und dominierende Gitarrenläufe im Mittelteil, leicht melancholisch anmutende Zupfklänge am Ende. Ihr Pulver haben Altar Of Plagues damit aber noch längst nicht verschossen, stattdessen verlagern sie sich auf eine andere Ausdrucksebene und lassen verschiedene Stilrichtungen in ihr musikalisches Schaffen einfließen. "Through The Collapse: Watchers Restrained" lockt zunächst beispielsweise mit groovendem Drumming, bremst mit einem sägenden Progriff den drohenden Teufelsritt aus und nimmt, ehe man sich versieht, die Gestalt eines widerborstigen Doombastards an. Was die besondere Stimmung von "White Tomb" ausmacht, ist seine Durchgängigkeit - hier findet sich kein einziger künstlicher Wechsel, die Riffs und Melodien klingen, als ob das eine das andere unvermeidlich bedingen würde. Als Überleitungen zwischen den metallischen Ausbrüchen dienen meistens maschinell tönende Ambientparts in Kombination mit Akustikklängen, deren insgesamte Erhabenheit und Schwermut es jedoch eigentlich verbieten, auf sie den banalen Begriff "Überleitung" anzuwenden. Zu guter Letzt wird kunstvoll mit dem Tempo jongliert, was nicht zuletzt auf die Kappe des anspruchs-, aber nichtsdestotrotz druckvollen Spiels des Mannes an den Taktstöcken geht.
Was nach dem erstmaligen Genuß des Debüt-Albums aus irischen Landen zurückbleibt, ist das Gefühl, einen Blick auf eine Klangwelt erhascht zu haben, in der es noch weitaus mehr zu entdecken gibt. Wer bei "Earth: As A Furnace" den zart wummernden Bass (ja, das geht!) im Hintergrund der schwingenden Gitarrensaiten vernommen hat, vermag es zu erahnen, was Altar Of Plagues in Sachen Tiefgang zu leisten imstande sind und welche Abgründe sich mit jedem weiteren Durchgang noch auftun werden. "White Tomb" ist zwischen all den Grabmählern einer überindustrialisierten Kultur, die es akustisch verwirklicht, selbst ein musikalisches Monument, das unerschütterlich in sich selbst ruht und in jedem einzelnen Moment eine grimmige Würde und Kraft ausstrahlt. |
|