TYRAEL

Der Wald ist mein Zuhause (CD 2010)


Ich stell' mir das ja so vor... Irgendwo in der Einöde von NRW sitzen fünf junge Kerle beisammen und blicken auf neun lange Jahre zurück, in denen sie Material für ihr geplantes Debütalbum komponiert und endlich, endlich auch auf Tonspur gebannt haben. Die Aufnahmen sind abgeschlossen, der Klang entspricht genau dem, was die Band sich vorgestellt hat - fehlt nur noch ein Name für das kommende Werk! Doch Schweigen macht sich breit, die rechte Idee will auch nach langem Hin und Her einfach nicht aufkommen - schließlich soll der Titel etwas besonderes, etwas außergewöhnliches sein... Aber dann, nach langem Warten, fasst sich einer der Recken schließlich ein Herz, erhebt sich und zerstiebt alle anderen Vorschläge im Nu: " Wie wäre es mit ... [man stelle sich an dieser Stelle bitte den obligatorischen Trommelwirbel vor] 'Der Wald ist mein Zuhause'?!" Jubel, Zustimmung, Freude überall, endlich kann die Scheibe an die Öffentlichkeit! In diesem Sinne: Besten Dank auch, als mir die Platte aus dem Postumschlag entgegenpurzelte, hab ich erstmal eine mittlere Zwerchfellverkrampfung bekommen.
Wenn man doch wenigstens sagen könnte, dass die Zeit, die sich die netten Jungs scheinbar bei der Namensgebung gespart haben, für die Musik draufgegangen ist - aber nein, auch damit ist leider nur begrenzt gedient. Stattdessen haben sich Tyrael in den letzten neun Jahren elf Black/Death Metal-Stücke mit einer stattlichen Prise Pagan aus den Rippen geleiert, die insgesamt weder Fisch noch Fleisch sind. Auch am Mikrofon kommen beide Genres zum Zuge, wobei die Growl-Anteile doch deutlich überwiegen - wirklich überzeugend klingt aber weder das Gegrunze noch das Gekreische des Frontmanns. In musikalischer Hinsicht bleibt indes festzustellen, dass die Black-Metal-Abschnitte um einiges besser als die todesmetallischen Auswüchse abschneiden. Bestes Beispiel hierfür ist die Nummer "Gedankenfluss" - nachdem sich Tyrael vier Lieder lang durch einen kruden Stilmix quälen, ist hier endlich mal sowas wie ein Konzept zu erkennen und mit der klaren Schwarzmetallschlagseite gegen Ende treten Tyrael dem Hörer auch mal ansatzweise in den Allerwertesten.
Dass sie das auch anderorts versuchen, merkt man vor allem an den fast schon krampfhaft oft eingestreuten Blastbeats, die jedoch allenfalls als monotone Untermalung der über weite Strecken unaufregenden Riffs taugen. Aufregend im negativen Sinn sind hingegen die Breaks - muss man die Lieder wirklich so unbehände auseinandernehmen, nur damit es irgendwie technisch klingt? Den Fokus mehr auf die Melodien zu legen, hätte hier wesentlich mehr gebracht - dass sie diesbezüglich nicht talentfrei ist, beweist die Truppe beispielsweise im ordentlichen "Der Jäger". Nur - und das muss einfach mal gesagt werden - die Texte sollte man sich lieber nicht unter einem zünftigen Pegel von zwei Promille durchlesen. "Es lebte einst in einem Wald, ein böser Menschenfresser, der war schon viele Jahre alt und trug bei sich ein Messer." Ganz ehrlich: Diese banale Reimlyrik mit triefender pseudofolkloristischer Einfältigkeit braucht doch kein Mensch mehr. Einen kleinen "Geheimtipp" für die Germanistik-Studenten unter euch gibt's allerdings in Form von "Erlkönig": Wer den Gedichtsklassiker nicht wie im Deutschunterricht übertrieben pathetisch und akzentuiert vorgetragen, sondern lieber zur Abwechslung mal roh und ungehobelt in den Gehörgang gegurgelt bekommen möchte, darf beschwingt zu Lied Nummer neun springen. Immerhin versteckt sich dort auch das eine oder andere taugliche Riff.
Es ist eine seltsame Mischung - auf der einen Seite ist das Liedgut auf "Der Wald ist mein Zuhause" größtenteils mit dem Attribut "eingängig" mehr als zutreffend beschrieben, auf der anderen Seite ist das Material offenkundig so handzahm, dass kaum was davon hängenbleibt. Man wünscht sich mal wieder die viel zitierten Ecken und Kanten, die sich festhaken und für das besondere Etwas sorgen. In dieser Form können Tyrael jedoch weder die Idealmerkmale des Death noch die des Black Metals für sich beanspruchen, denn zu finden sind auf dem Debüt weder treibend-aggressive noch allzu viele packend-atmosphärische Riffs. Also: In Zukunft bitte mehr Schwarzmetall in Kombination mit leidenschaftlichen Melodien sowie weniger strunzlangweilige Death-Metal-Riffs - das wäre eine Basis, auf der sich unter Umständen aufbauen ließe, denn gewisse grobe Fundamente dafür lassen sich auf "Der Wald ist mein Zuhause" im Ansatz erkennen. Und vielleicht reicht's ja dann auch mal für einen etwas anspruchsvolleren Titel auf dem Cover...

4 /10

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Nachtwall
09.02.2010