AMYSTERY

All Hail The Cult (CD 2010)


Herrschaftszeiten, dieser Kopierschutzwahn treibt auch immer seltsamere Auswüchse... Da schneit mir eines Tages "All Hail The Cult" in den Briefkasten und ich darf beim Reinhören schon mal voller Freude feststellen, dass der Vertrieb für die bösen Menschen von der Presse sämtliche Lieder zu jeder vollen Minute mit ein paar Sekunden weißen Rauschens "veredelt" hat. Früher reichte es für eine schlechte Bewertung noch, wenn das Album einfach mies war, heute lässt man sich da offenkundig schon deutlich mehr einfallen... Wenigstens hat man sich noch um die Gesundheit der Rezensenten gesorgt und die Promoscheibe mit dem freundlichen Hinweis versehen, die vorliegende CD doch bitte nicht zu laut zu hören, das weiße Rauschen könnte ja sonst zu Hörschäden führen. Mensch, da scheinen ja ein paar wahre Philanthropen am Werk gewesen zu sein... Sei es nun, weil man das Wohlbefinden der verehrten Kritiker trotzdem noch ernsthaft in Gefahr wähnte oder sich der Lächerlichkeit der eigenen Maßnahmen irgendwie doch bewusst wurde: Wenig später traf eine weitere, überarbeitete CD ein - natürlich mit neuem Kopierschutz! Dieses Mal werden nämlich statt penetrantem weißem Rauschen zur Hälfte jedes Liedes ein paar abgehackte Verzerreffekte eingespielt. Welch Verbesserung! Also mal ehrlich, das ist doch, als wenn ein Arzt zu einem Patienten mit der Diagnose "Krebs im Endstadium" sagt: "Oh, das tut mir jetzt aber leid, wir haben uns geirrt... Sie haben ja doch nur AIDS!"
Nun ja, genug genölt, wenigstens ist die aktuellere Version von "All Hail The Cult" damit der Anhörbarkeit ein kleines Stück näher gekommen. Und was meine Akustikluken da so erreicht, weiß durchaus zu gefallen. Schön dreckig poltern Amystery in feinster Old-School-Laune durch sieben Stücke und versprühen dabei einen rotzigen Charme irgendwo zwischen ultra-trver Evilness und zünftiger "Fuck Off!"-Attitüde.
Dass man dem nettem Herrn mit den zwei Hörnern aufm Kopp frönt, dürfte schon nach einem kurzem Blick aufs Cover keine allzu große Überraschung mehr sein - und in bester Teufelsanbetertradition sägen sich auch die Gitarren durchs Liedgut. Das Rad erfinden Amystery dabei jedoch leider alles andere als neu, großartige kreative Erleuchtungen sind in etwa so selten zu finden wie das "Ave Maria" auf Schwarzen Messen. Aber stellenweise bin ich fast schon geneigt zu sagen, dass mich das auch nicht sonderlich kümmert, denn mit dem beständigen Wechsel zwischen knallhartem Geknüppel und wuchtigen Midtempo-Passagen fährt der Satanshaufen doch ganz annehmlich. Zumindest meistens, denn das Titelstück krankt leider an etwas holprigen Übergängen - wie mans besser macht, zeigt der Opener "Arrival Of The Prophets". Das langsame, fast schon majestätische Intro leitet über in einen drückenden Blastbeat, bevor die Sau nicht mehr gar so rasend durchs Dorf getrieben wird und man gepflegt die Matte schwingen darf. Was im Rest der Nummer passiert, ist jedoch leider etwas symptomatisch für die gesamte Scheibe: Es wird gerne mal geballert, geballert und nochmal geballert.
Nicht, dass ich damit generell ein Problem hätte, nur sind aufälligerweise genau das meistens die Momente, in denen meine Lauscher leise "Gute Nacht" sagen. Da kommt ja auch so gut wie nichts, wofür sich die Aufmerksamkeit lohnen würde, denn die Riffs sind entweder zu lahmarschig oder gehen schlichtweg im Dauergebolze unter. Umso mehr lockern die langsameren Abschnitte das musikalische Geschehen auf, denn hier demonstrieren Amystery erst ihre wahren Stärken. Dann stellt sich auch heraus, wie angenehm schneidend die Sechssaiter zugange sind und wieviel Dampf der Herr am Schlagzeug mit seiner Doublebase tatsächlich machen kann.
Was "All Hail The Cult" dann aber doch zu sehr abgeht, ist der Tiefgang. Als solides Old School-Brett hat die Scheibe ja sicher ihre Qualitäten; dass sie dabei aber immer wieder so trocken und höhepunktarm daherkommen muss, geht mir bisweilen dezent auf den Senkel. Spontan fällt mir jedenfalls kaum etwas ein, wodurch Amystery sich von der Flut an Neuerscheinungen abheben könnten. Wütende Riffs mit rüdem Dauergebolze? Ok, geschenkt, aber eigentlich haben wir das doch schon tausend Mal gehört und von Bands wie Funeral Mist auch noch um Längen besser. Am ehesten wäre ich aufgrund der angesprochenen guten Phasen bereit der Platte eine Position im oberen Mittelfeld einzuräumen. Wenn es mit dem nächsten Silberling mehr werden soll, muss bitteschön noch irgendwas her, das mir als Hörer ohne Wenn und Aber die pechschwarzen Socken auszieht. In der jetzigen Form können Amystery zwar vieles - sei es nun Geblaste, Midtempo oder dissonante Riffs - aber leider nichts so herausragend, als dass es einer besonderen Erwähnung bedürfte.

6.5 /10

Official Website

Pestilence Records

 

Nachtwall
19.04.2010