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Riskiert man als an der deutschen Sprache interessierter Mensch mal einen Blick in den Duden und schlägt das Wörtchen "Wehmut" nach, erwartet einen dort folgende Definition: "[1] eine nach innen gekehrte, traurige Grundstimmung. [2] der bedauernde Wunsch, die Sehnsucht nach einer schöneren Vergangenheit." Im Prinzip müsste man eigentlich an derselben Stelle die gleichnamige Band, um die es in den folgenden Zeilen gehen soll, als optimales Hörbeispiel aufführen, denn die Beschreibung des Allzweckwörterbuchs passt zum musikalischen Schaffen Wehmuts wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Grob gesagt bekommt das Ein-Mann-Projekt natürlich ohne große Umschweife das Depressive-Black-Metal-Etikett aufgedrückt, bei genauerem Hinhören kristallisiert sich jedoch schnell heraus, dass das zu kurz gegriffen ist. Wehmut beinhalten zwar eindeutig auch depressive Elemente - diese sind jedoch längst nicht so drastisch, dass man sich schon mal den Zugfahrplan ausdrucken möchte. Viel herausstechender ist hingegen die bittersüße Melancholie, die den vier Stücken innewohnt und welche die Wahl des Bandnamens noch passender erscheinen lässt.
Ein musikalisches Juwel ist die selbstbetitelte Scheibe auch in ihrem Gesamtaufbau: Altbekannte Saiten rauf-Saiten runter-Riffs gibt es vergleichsweise wenig zu hören, stattdessen kommen vielmehr melodische Akkorde zum Einsatz - mal mit Verzerrung, mal in klarer Akustik. Der Wechsel zwischen beiden Klangformen verleiht den Liedern oftmals eine ganz eigene Präsenz, die zudem noch durch elegante Leadmelodien ins elegisch Ergreifende gesteigert wird. Wert gelegt wurde auch auf die Details der Kompositionen, so dass die grundlegenden Akustik-Akkorde statt durch den Sechssaiter auch mal durch eine Bassline mit der nötigen Melodie versehen werden. Dementsprechend ist es auch eine Selbstverständlichkeit, dass der Tieftöner im Klangbild eine wichtige Rolle einnimt und gut vernehmbar ist.
Sicher, Liedtitel wie "Trostlos wartend" deuten es bereits an, dass die Texte die Kitschgrenze doch einigermaßen deutlich übertreten und so könnte man eventuell auch der Annahme verfallen, dass für die Musik ähnliches gilt. Doch bewundernswerterweise werden Wehmut zu keiner Zeit übertrieben klagend, sondern bewahren immer einen gewissen Stil und eine angenehme Contenance, die sich vor allem im ausgeprägten Gespür für Kompositionsarbeit ausdrückt. Das bereits erwähnte Stück "Trostlos wartend" schleppt sich so die ersten Minuten in seiner düster-brütenden Atmosphäre durch fragile Klanglandschaften, bevor es in den letzten Minuten das Tempo dezent anzieht und dabei einige Saitenmelodien hervorbringt, die schlicht und ergreifend nur mit "schmerzhaft schön" zu bezeichnen sind. Das Schlagzeug hält sich auch in solchen etwas flotteren Passagen immer noch angenehm im Hintergrund, ohne dabei jedoch völlig zu verblassen und schafft es dadurch, dem zerbrechlich-graziösen Klangspiel einen passenden Rahmen zu liefern.
Den geneigten Hörer erwartet mit "Wehmut" demnach die musikalische Begleitung zu einem von vielen potenziellen seelischen Niedergängen - und doch ist es ein Niedergang, den man sich geradezu gerne vor dem inneren Auge aufzeigen lässt, denn "Wehmut" trifft mit seinen bitterschönen Melodien genau den wunden Punkt des menschlichen Geistes, der das Paradoxon "Und jedem Schmerz wohnt etwas Schönes inne." Realität werden lässt. |
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