TODTGELICHTER

Angst (CD 2010)


Post Black Metal. Es gibt wohl momentan kaum ein Pseudogenre, dass mich zu weniger Objektivität motiviert. Was genau soll das überhaupt bedeuten? Ist das mehr als die neueste Variante, "normalen" BM zu blöd zu finden? Wenn ich Post Black Metal höre, muss ich stets zuerst an Fenriz denken. Darkthrone sind die einzig wahre PBM-Band.
Natürlich heisst das nicht, dass jede Band unter dem Postbanner schlecht sein muss. Ich bin durchaus bereit, einer Truppe ihre Vermarktungsstrategie zu vergeben, wenn mich die Musik überzeugt. Und in diesem Sinne war ich sogar gespannt auf "Angst", denn Todtgelichter konnten für ihr drittes Album allerorts viel Lob einfahren. Nicht ganz zu Unrecht, wie ich sagen muss.
Allerdings sind die einhelligen Jubelarien in meinen Ohren dann doch etwas übertrieben. Die Scheibe bietet auf der einen Seite SOTM light, nicht ganz so blutleer wie der aktuelle Betriebsunfall, aber auch längst nicht so grossartig wie etwa "Antithesis". In der Hauptsache ist das Ganze allerdings ziemlich handzahmer moderner BM, der in seiner Harmlosigkeit durchaus an andere Kapellen in Gelb erinnert (ob sich "Post" darüber definiert?). Dazu gibt es ziemlich guten weiblichen Gesang fern von Geträller und mehr in der Tradition von "The Gallery", "Min Tid Skal Komme" oder "HotA", am ehesten aber nach dem Demo von Flowing Tears and Withering Flowers klingend. Sehr sexy jenseits von Körbchengrösse und dergleichen. Viel weniger sexy sind leider die gelegentlichen Hard-Rock-Leads/Soli, die zu sehr nach Achtzigern und Softporno klingen. Gar nicht meins.
Noch schlimmer und fast so nervend wie das Postzeug ist die "urbane" Thematik, die genau wie bei Lantlôs und ähnlichen Versuchen oberflächlich und aufgesetzt wirkt - weil sich das Ganze überhaupt nicht in der Musik widerspiegelt. Ich war gerade für ein paar Wochen in China, u.a. in Shanghai, bilde mir also ein, zumindest eine ungefähre Vorstellung von Urbanität zu haben. Eigentlich braucht es aber nur ein wenig Realitätssinn: Chaos, Ruhelosigkeit, Schmutz, Kriminalität, Gewalt, Einsamkeit - an sich perfekte BM-Themen. Warum kommt dabei immer so glattgebügelte Studentenmusik bei raus? Warum geht niemand mal in Richtung Diapsiquir? Die haben doch bewiesen, dass es geht. Oder liegt es daran, dass die Hamburger Todtgelichter ihre vergleichsweise sehr beschauliche Bürgerstadt für "urban" halten?
Auch nach drei Alben weiss ich immer noch nicht so recht, woran ich bei Todtgelichter genau bin. Die Gruppe will nicht auf der Stelle treten - dafür Pluspunkte; aber die Postwelle ist anno 2010 schon keine sonderlich frische Idee mehr. Hinzu kommt, dass die Truppe in meinem musikalischen Universum immer knapp unter "richtig grossartig" bleibt. Stellenweise ganz nett, aber die grossen Eingebungen fehlen. Nun ja, mit harter Arbeit haben es schon andere Kapellen weit gebracht, und auch Todtgelichters "Karriere" fängt wohl gerade erst richtig an. Den Erfolg will ich ihnen gönnen - die Musik muss ich mir ja nicht unbedingt anhören.

6 /10

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Erik
03.12.2010