A FOREST OF STARS

Opportunistic Thieves Of Spring (CD 2010)


Heutzutage verliert man sich bei dem Überangebot an Neuerscheinungen ja gerne mal in kruden Genrebezeichnungen: Ist das jetzt Post-Black-Metal oder doch eher DHL-Black-Metal? Oder ist's vielleicht Atmospheric Black Metal oder doch eher Stratospheric Black Metal? Ok, ok, ist ja gut, ich hör ja schon mit den miesen Wortspielen auf, denn bei A Forest Of Stars stellt sich sowieso eine wesentlich grundlegendere Frage: Ist das denn überhaupt noch Black Metal? Und nach vielfachem Durchhören und eingehenden Schallwellenanalysen komme ich zu dem Ergebnis: Ja, ist es! Wenn auch zugegebenermaßen eine sehr kunstvolle und verspielte Machart desselben...
Und zwar dermaßen verspielt, dass man nach dem ersten Durchhören fast etwas enttäuscht zurückbleibt - die Gitarren sind streckenweise doch sehr stark verzerrt, Riffs dadurch bisweilen nur schwer zu erkennen, die Vocals könnten auch etwas bissiger aus den Lautsprechern bellen und zu guter Letzt wird das Geschehen immer wieder etwas abrupt durch ruhige Abschnitte unterbrochen, die dezent an Ambient erinnern. Aber: Solange man an "Opportunistic Thieves Of Spring" mit klassischen Maßstäben à la "Black Metal klingt wie ein sterbendes Schwein, das mit irrem Tempo auf eine Mülltonne eingedroschen wird" herangeht, kommt man in der Tat nicht allzu weit. Wie vermutlich schon durchgeklungen, sollte man genau das aber auch tunlichst sein lassen, denn AFoS wollen nicht nur anders sein, sie sind es auch. Und ob man dem Ganzen jetzt die Etikette "psychedelisch", "viktorianisch" oder einfach nur "atmosphärisch" auf die Stirn klatscht, ist letztendlich sowas von schnurz, denn irgendwas Essenzielles in den gebotenen musikalischen Untiefen würde man damit trotzdem noch vernachlässigen.
Für die enorme klangliche Bandbreite sorgt nicht zuletzt die illustre Auswahl an Instrumenten - neben dem klassischen Repertoire an Gitarre, Bass und Schlagzeug sind auch Piano, Violine, Flöte und Keyboard vertreten. Und zwar nicht nur als nette Dreingabe, die in einem 10-Minuten-Stück mal für gefühlte 20 Sekunden im Hintergrund rumdudelt, sondern als melodiebestimmende und tragende Säulen im musikalischen Fundament. AFoS lässt sich berechtigterweise ein gewisser Hang zu überlangen Liedern nachsagen und aus diesen erheben sich mit beinahe traumwandlerischer Sicherheit immer wieder starke und erhabene Epen, die einen in das viktorianische Fantasiereich der fünf Briten entführen. Und während die ausladenden Ambient- und Instrumentalparts bei den ersten Durchgängen noch als störende Unterbrechung empfunden werden, entpuppen sie sich bald als hypnotisches Gemälde, das den Hörer langsam aufsaugt bis ihn schließlich die BM-lastigeren Abschnitte endgültig am Genick packen. Genau diese verträumte und bisweilen tranceartige Atmosphäre spiegelt dabei in meinen Augen einen der Grundzüge des Black Metal wieder - so gesehen sind AFoS ein Trip in die entfernteren Gefilde dieser Musiksparte, ohne dabei den eigentlichen Kern völlig aus den Augen zu verlieren.
Letztlich hängt der Genuss dieser Scheibe auch zu einem großen Teil vom Hörer ab, denn das Quintett aus Leeds liefert einen hervorragenden Schmelztiegel aus Black Metal und Klassikeinflüssen ab, der dabei jedoch derart in die Tiefe geht, dass es damit den einen oder anderen vielleicht überfordern könnte. Ganz klar: "Opportunistic Thieves Of Spring" braucht Zeit, viel Zeit sogar - doch dafür belohnt es bei jedem Durchlauf mit neuen Aha-Momenten. Und je mehr sich die vertrackten Liedstrukturen erschließen, umso tiefgreifender wird auch das Erlebnis und umso herausragender die melancholische Grundstimmung der Platte. Man muss sich einfach auf das Werk einlassen und selbst etwas verlieren können, um sich auch auf diese emotionale und gedankliche Reise mitnehmen zu lassen. Ideal zur eigenen Horizonterweiterung geeignet, verwischen A Forest Of Stars mit ihrem Zweitlingswerk gekonnt die Konturen des Schwarzmetalls und zeichnen ein neuartiges und gewagtes Porträt, das sich dem Betrachter erst mit der Zeit öffnet und ihn dann mit seiner imposanten Vielfalt zu faszinieren und zu fesseln weiß.

9 /10

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Nachtwall
10.01.2011