|
Wenn man meinem Kollegen Alboin Glauben schenken kann (und es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun), dann waren Scarcross zumindest anno 2005 eine ziemlich schreckliche Band. In krassem Widerspruch dazu stehen meine Erfahrungen mit Waldgeflüster, dem Soloprojekt eines Scarcross-Protagonisten, das 2009 mit "Herbstklagen" ein Album veröffentlicht hat, welches mir ziemlich gut gefallen hat und immer noch gefällt. Da trifft es sich gut, dass Scarcross heuer mit einer neuen Scheibe auf der Matte stehen. Zwar kann das gute Stück uns nicht verraten, wo die Truppe jetzt und heute steht, die Aufnahmen begannen nämlich schon im Jahre 2007, aber im Vergleich zum Debüt werden wir zumindest ungefähr beurteilen können, ob Scarcross eine Zukunft haben oder zumindest haben sollten.
Der Auftakt ist vielversprechend. "Der Fluss" beginnt mit Gitarrenharmonien ganz im Stil von "Herstklagen", was die Frage nach dem Sinn von zwei Projekten stellt, aber ziemlich gut ins Ohr geht. Weniger gut bekommt mir nach ungefähr zwei Minuten die Antwort auf die Sinnfrage, die aus einem Death/Thrash/Wasweissich-Rödelabschnitt besteht, der wohl die Selbstbeschreibung als "progressiv" rechtfertigen soll (im Sinne von wild zusammenwürfeln), mir aber nichts gibt und sich auch mit dem episch-melancholischen Charakter der ersten Minuten beisst. Das folgende Pornofiedelgegniedel passt da schon besser, und auch das schwermütige Keyboard zum Abschluss des Stückes ist nicht übel. Dass sich akustische Abschnitte gut einfügen und der markante (wenngleich gewöhnungsbedürftige) Klargesang zumindest mir zusagt, ist nach "Herbstklagen" keine Überraschung.
Bleibt nach einem Lied als Fazit: Waldgeflüster gut, ansonsten durchwachsen. Und das gilt im Prinzip auch für den Rest der Platte. Beim 16minütigen "Des Freidenkers Grab" kommt erschwerend hinzu, dass man mit dem Arrangieren dieses Monsters ohrenscheinlich Probleme hatte. Da werden zuviele Zutaten in einen Topf geworfen, die zumindest in meinem Universum nicht in einen Topf gehören. Es folgen "Herbstklagen"-Harmonien auf Riffs vom letzten (bzw. von einem älteren) Metallica-Album, dann gibt's schrecklich viel DM(oder so)-Geriffe und insbesondere keinen roten Faden. Ein überlanger, völlig verfahrener Flickenteppich, dem selbst die Waldgeflüster-Gitarren nicht grossartig helfen können.
Ich habe keine Ahnung, wie im Hause Scarcross komponiert wird, aber meine Ferndiagnose würde lauten: Viele Köche verderben den Brei. An Ideen scheint es der Truppe nämlich nicht zu mangeln. Was "Freidenker" fehlt, ist der Wille, schlechte Ideen ungenutzt zu lassen. Bei allem Drang zum Progressiven und Vielseitigen hat man es mit der Selbstkritik eventuell nicht so genau genommen. Das ist schade, denn das Album hat zahlreiche sehr gelungene - mal mitreissende, mal emotionale - Passagen zu bieten. Unglücklicherweise hat sich zwischen diese Abschnitte allerlei Zeug eingeschlichen, das ich lieber nicht hören wollte. |
|