KARG

Von den Winden der Sehnsucht #2 (CD 2010)


So, hiermit oute ich mich: Ich bin gegen Laufzeitverlängerungen! Aber bevor wir uns falsch verstehen: Damit meine ich nicht des Wutbürgers liebstes Strahlenstreitobjekt, das alljährlich berufsempörte Deutsche auf die Straßen treibt, sondern solche musikalischen Ungetüme wie Kargs "Von den Winden der Sehnsucht #2", das mir mit 78 Minuten musikalischer Durchschnittsware ein beträchtliches Maß an wertvoller Lebenszeit raubt. Und richtig erkannt, auch mit dem plumpen Titel tut sich die Truppe keinen großen Gefallen: Eine wirklich schlüssige Erklärung, warum das neue Werk denn nun eine Art zweiten Teil abgeben soll, liefern jedenfalls weder Booklet noch Promo-Text; und Spekulationen, dass es sich hierbei einfach nur um eine Resteverwertung von Aufnahmen des Debüts handelt, möchte ich im Sinne des Künstlers mal möglichst klein halten.
Die Überschrift des aktuellen Auswurfes kommt also schon mal nicht gerade ausgefeilt daher - umso misslicher ist es, dass auch die musikalische Seite nicht minder wenig durchdacht wirkt. Mit einer Laufzeit von knapp 78 Minuten ist das ganze Vergnügen wie angesprochen schon mal alles andere als leichte Kost - und die Kompositionen geben sich darüber hinaus unverschämt wenig Mühe, dem Hörer so etwas wie einen roten Faden an die Hand zu geben. Was wiederum in letzter Konsequenz dazu führt, dass die Stücke widerstandslos in ihrer Tranigkeit versumpfen. Depri-BM ist sowieso nicht immer zwangsläufig die spannendste und energiegeladenste Angelegenheit - aber wenn dann auch noch Lieder mit einer Spielzeit von epochalen 20 Minuten und dabei so gut wie null - und ich meine wirklich null - Höhepunkten auf der Platte lauern, dann fällt das für mich kommentarlos unters Betäubungsmittelgesetz.
Dass mir das lausige Songwriting so penetrant auf den Zeiger geht, liegt sicher auch daran, dass sich Karg blöder anstellen, als es sein müsste. Schöne, getragene Melodien gehen dem Herrn Wahntraum in ordentlicher Zahl von der Hand und auch die angepeilte melancholische Atmosphäre weiß durchaus aufzukommen. Aber wo sich bei der Frage nach dem "Was?" noch vereinzelt Pluspunkte vergeben lassen, fliegen Karg beim "Wie?" ganz böse auf die Schnauze. Mal unter uns: Diese undienliche Spielzeitstreckung hätte es ums Verrecken nicht gebraucht; ich behaupte an dieser Stelle einfach mal frecherweise, dass es eine halbe Stunde weniger auch locker getan hätte. Ob die Stücke dadurch packender geworden wären, wage ich aber dann doch zu bezweifeln, denn dafür sind die Riffs klangtechnisch zu sehr im melodiös-glatten 08/15-Singsang abgepackt. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass sich das Gebotene von der Relevanz her am ehesten mit einem umgefallenen Sack Reis im asiatischen Großraum vergleichen lässt.
Mein Tipp also für "Von den Winden der Sehnsucht #3" (falls es bis dahin immer noch keine guten Albumtitel im Sonderangebot geben sollte...): In Sachen Laufzeit mal früher die Schere zücken, dabei zügiger auf den Punkt kommen und die vorhandenen anrührenden Melodien effektiver einsetzen. Denn die melancholischen Essenzen, die man #2 ja absolut nicht in Abrede stellen kann, werden durch das ganze unnötige und durchschnittliche Drumherum so stark verwässert, dass sie sich nur noch mit viel Geduld herausfiltern lassen. All die "Uns doch wurscht, wie unsere Musik ankommt!"-Allüren, die manche BM-Bands mittlerweile so an den Tag legen, in Ehren - aber ein bisschen mehr Hörerverträglichkeit würde auch Karg beileibe nicht schaden.

5.5 /10

Official Website

Karge Welten Kunstverlag

 

Nachtwall
01.03.2011