GEBRECHLICHKEIT

Glanz und Elend (CD 2011)


"Heutzutage ist jeder ein Kritiker", dachte ich so bei mir, als ich die Fetzen und Scherben der auf ihrer langen Reise eindrucksvoll zerstörten Promosendung von Gebrechlichkeit aus dem Briefkasten fischte. Angesichts des letzten unerträglichen Versuches namens "Antichrist. Sadist. Menschenfeind." ist die Missgunst des Briefträgers zweifellos mehr als nur verständlich, persönlich war ich aber enttäuscht, dass die CD die Tortur völlig intakt überstanden hatte.
Nachdem der Frust über dieses Unglück überwunden war, hatte Herr Chaos dann eine ziemlich große Überraschung parat: "Glanz und Elend" ist nicht hoffnungslos beschissen. Ich Wiederhole: "Glanz und Elend" ist nicht hoffnungslos beschissen. Nein, im Vergleich zum letzten Anlauf ist das Scheibchen ganz erstaunlich anhörbar. Heuer kann man dank stark verbesserter Aufnahmequalität ziemlich leicht ausmachen, dass Gebrechlichkeit mittelschnellen bis flotten BM spielt, der mal thrashig und mal dezent melodisch daherkommt. Angesichts des strukturlosen Schepperns und Rauschens, das man mir noch vor zwei Jahren als Musik verkaufen wollte, ist das eine nicht für möglich gehaltene Steigerung.
Ist "Glanz und Elend" jedoch relativ gesehen ein großer Schritt in die richtige Richtung, so hat Chaos noch viel Arbeit vor sich, wenn er sein Projekt auch absolut hörenswert machen will. Hat man sich nämlich vom Qualitätsschock erst einmal erholt, macht sich schnell Ernüchterung breit. Von ein paar tatsächlich gelungenen Abschnitten bei "Von der Kunst zu leiden" und "Luxuria" mal abgesehen muss das Album unglücklicherweise ohne rechte Höhepunkte auskommen. Die melodischen Anwandlungen sind meist nicht zwingend, und wird's mal thrashig, wirkt das Ganze in erster Linie hüftsteif; der rechte Biss fehlt. Schuld an der Misere ist (neben fehlenden guten Ideen) die harmlose Produktion; hier wurde bei der angestrebten Abkehr vom reinen Krach das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und der Musik mindestens ein Ei amputiert. Auch mit der üppigen Spielzeit tut man sich bei Gebrechlichkeit keinen Gefallen, denn soviel Substanz, wie über 50 Minuten vorgaukeln, hat der Silberling schlicht nicht. Schließlich hilft auch der Einsatz von Samples nicht sonderlich, denn derlei aussage- und stimmungsfreie Stümperei kann im Zeitalter von Funeral Mist und The Ruins Of Beverast doch wirklich niemand mehr hören wollen.
Unterm Strich bleibt als Fazit: Ein Quantensprung für Gebrechlichkeit und ein bedeutungslos kleiner Schritt für den Rest von uns. Was die Zukunft des Projektes angeht, so bin ich immer noch recht skeptisch, aber Chaos ist es immerhin gelungen, meinen grenzenlosen Pessimismus etwas zu dämpfen.

4 /10

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Erik
12.10.2011