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Denkt man an Norwegen, so landet man als geneigter Black-Metal-Hörer unweigerlich bei den Ursprüngen des Genres, als ein paar Jungspunde von Death Metal die Schnauze voll hatten und ihr eigenes Ding machen wollten. Umso bezeichnender für die fortlaufende Entwicklung der Sparte ist es, dass nun knappe 20 Jahre später mit Dystopia Nå! eine ebenfalls norwegische Band eine Neuinterpretation des Black Metals vorlegt, die nur noch in Elementen auf ebenjenen zurückgreift. Ganz im Geiste des Fortgangs, dass die Grenzen immer mehr verwischen, wenn die einzelnen Genres zur Genüge abgegrast sind, wagen Dystopia Nå! den Übergang von Black Metal zum Depressive Rock und machen dabei gleichzeitig gelegentliche Ausflüge ins Grenzgebiet des Doom Metals.
Es ist also wenig überraschend, dass an dieser Stelle für Black-Metal-Puristen die Empfehlung folgt von "Syklus" tunlichst die Finger zu lassen - es sei denn, sie stören sich nicht am gelegentlich federführenden Klargesang, an weitestgehend nicht vorhandenen Blastbeats oder am relativ warm gehaltenen, stellenweise fast schon shoegaze-lastigen Gitarrensound. Was die drei Norweger mit den kryptischen Namen K., S. und A. auf "Syklus" erschaffen haben, taugt absolut nicht als Äquivalent zu frostigen skandinavischen Landschaften, sondern gereicht in der Tat sowohl dem Bandnamen als auch dem - übrigens sehr gelungenen - Artwork zur Ehre: Düstere Bilder von verrottenden Großstädten gemischt mit einer Prise Pessimismus und Isolation sind es nämlich, die einem beim Genuss der Scheibe durch den Kopf schwimmen. Dass das Ganze dennoch nicht in den Bereich der schwülstigen Neuzeit-Depression abdriftet, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Liedführung sehr überlegt ist und die Emotionalität immer einen gewissen Stil behält. Das bedeutet im Konkreten, dass auf kitschige Melodien oder die Tränendrüse bemühende Gesangslinien nahezu völlig verzichtet wird.
Mehr als ausreichend vorhanden ist hingegen der musikalische Variantenreichtum - das fängt schon damit an, dass sich für die sechs rein metallischen Stücke sechs Herren hinters Mikrofon geklemmt haben, und hört damit auf, dass von sehr erhabenen und atmosphärischen Parts wie in "Av Piller Og Idioti" bis hin zum fast schon verrotzt-rockigen "Oslo / Barn Av Lerret (Del 1)" einiges an klanglichen Bereichen abgedeckt wird. Im Prinzip schreibt dahingehend jedes Lied eine eigene Geschichte auf seiner Reise durch die verschiedenen Stilrichtungen, so dass sich kaum ein Paradebeispiel herausgreifen lässt. Als Repräsentant zu Veranschaulichungszwecken soll an dieser Stelle dennoch "God Morgen, Dystopia" dienen: Das beginnt mit einem dezent rockigen Akustik-Riff, macht einen kurzen Abstecher in BM-lastigere Gefilde, bevor in einem erneut verzerrungsfreien Abschnitt an Katatonia erinnernde Töne angeschlagen werden. Nach dem Wiedererstarken der Stromgitarren mitsamt ihren leicht dissonanten Riffs verleiht vor allem der Kontrast zwischen den rauen Schreien der Strophen und dem andächtigen Klargesang des Refrains dem Stück eine interessante und einprägsame Note. Nicht zu vergessen die kurzen Shoegaze-Einlagen, welche noch die nötige Ladung getragene Melancholie beisteuern. Nun, ihr merkt es vermutlich: Es wird querbeet im Katalog der düsteren Klänge gewildert und genau das macht auch den Reiz der Platte aus. Allerdings gerät ihr das auch ein wenig zum Problem, denn bei all der heiteren Genreverwischerei stellt sich am Ende doch die Frage, was denn nun eigentlich die Essenz dessen ist, was Dystopia Nå! auf ihrem Erstlingswerk bieten. Summa summarum mutet das Ganze doch noch etwas wie ein Erkundungsexperiment an; wie ein - und man verzeihe mir die reichlich abgedroschene Metapher - ungeschliffener Rohdiamant, in den noch einige Kanten gefräst werden müssen, bevor er seine ganze Pracht zeigen kann.
"Syklus" ist in seiner Gesamtheit ein enorm kurzweiliges Album - die Nähe zu Lifelover wird der Truppe aufgrund ihrer Eingängigkeit nicht umsonst nachgesagt. Im Bezug auf vorliegenden Silberling sei "Eingängigkeit" jedoch bitte von seiner Konnotation "anspruchslos" befreit, denn "Syklus" ist nichtsdestotrotz eine Platte, auf der es sowohl musikalisch als auch stimmungstechnisch einiges zu entdecken gibt. Dystopia Nå! könnten jedoch die Wucht ihrer Kompositionen noch deutlicher untermauern, wenn sie bei einzelnen Riffs und Stilrichtungen länger verweilen und diese in ihrer Tiefe noch ausbauen würden. Dass sie das Gespür für treffsichere Liedgestaltung und das Kreieren von melancholischer Atmosphäre zur Genüge haben, beweist "Syklus" jedoch schon mal auf eindrucksvolle Weise und das lässt für ein Debüt schon mal die Hoffnung zu, dass sich die Zukunft der aufstrebenden Truppe nicht als Dystopie, sondern vielmehr als Eutopie gestaltet. |
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