FORTERESSE

Crépuscule D'Octobre (CD 2011)


Bereit für eine kurze Geschichtsstunde? Gut, dann entstaubt mal eben das Plattenregal, schmeißt das erste Burzum-Album in die Anlage und lauscht dem Stück "A Lost Forgotten Sad Spirit". Und, was fällt auf? Richtig, im Vergleich zu den eher flotteren Kompositionen, wie sie zum Beispiel Mayhem und Darkthrone in ihren frühen Tagen vorgelegt haben, drosselt Burzum in besagtem Stück das Tempo deutlich und macht sich erstmals in die Klangregionen auf, die bis heute das größte Vermächtnis des Herrn Vikernes sind: Schwermütige Riffs, die sich vom kräftigen, aber gemächlichen Schlagzeug untermalt in einer melancholischen Stimmung verlieren, welche auch mit der nötigen Dramatik und Epik auftrumpfen kann. So erblickte also das Untergenre des atmosphärischen Black Metals das Licht der Welt, bevor jener sich als Ganzes überhaupt etabliert hatte. Warum nun dieser Rückblick? Ganz einfach: Im Sinne dieser ersten Anfänge, die von Burzum-Glanzstücken wie zum Beispiel "Det Som Engang Var" oder "Erblicket die Töchter des Firmaments" fortgeführt wurden, präsentiert sich nämlich auch die Spielart der Kanadier von Forteresse, deren vierter Langspieler Thema der folgenden Zeilen sein soll.
Der erschafft dabei auf enorm wuchtige Art und Weise, aber auch mit omnipräsenter Atmosphäre eine faszinierende ästhetik. Die hypnotische Epik, die sich in den knapp 45 Minuten Spielzeit entfaltet, ist dabei mit einer Majestät versehen, die dem Bandnamen vollends zur Ehre gereicht - das wiederum mag vor allem dem Minimalismus geschuldet sein, der dem kreativen Schaffen der Truppe zugrunde gelegt ist. "Crépuscule D'Octobre" ist nämlich weit davon entfernt, ein Rifffeuerwerk zu sein, das dem Hörer alle paar Takte eine neue Saitenspielerei um die Trommelfelle pfeffert. Stattdessen haben sich Forteresse der Kontinuität verschrieben und lassen die eindringlichen Riffs ihre weiten Kreise ziehen, um damit zusätzlich der melancholischen Grundfärbung den nötigen Klangraum zu verleihen. Und auch wenn das den scheinbar stark ausgeprägten Nationalstolz der Quebecer vielleicht kränken dürfte: Die transportierte Stimmung ist der der Amerikaner von Wolves in the Throne Room gar nicht mal so unähnlich. Denn obwohl die düstere Atmosphäre als tongebende Kulisse kaum zu verleugnen ist, so keimen kraft der Riffs bisweilen ergreifende Momente der Schönheit vor dem mentalen Auge auf, welche nahezu perfekt mit dem Albumtitel (zu deutsch in etwa: "Abendlicht des Oktobers") konform gehen. Obwohl der alljährliche Verfall des Herbstes immer unausweichlicher wird, so bäumt sich die Flora nochmal zu einem letzten Ausdruck der Anmut auf - genau das ist die Essenz der Erhabenheit, mit der auch diese Platte gezeichnet ist und welche sich vermutlich kaum treffender in Notenform gießen lässt.
Dabei ist das Grundrezept der Kompositionen simpel: Angetrieben von einem kraftvollem, aber gleichzeitig nicht zu übermächtigen Schlagzeug walzt sich die Rhythmusgitarre durch die Lieder und verbreitet drückende Finsternis. Für den Lichtstreif und das i-Tüpfelchen auf den Kompositionen sorgt die Leadgitarre, die den Stücken mit hell gleißenden Tremolomelodien eine ungeahnt anmutige Schönheit auferlegt. Auffällig ist jedoch, dass das Liedgut auch ohne die Melodieführung durch die Frontklampfe gut funktioniert, was auf die Kappe der Qualität und Effektivität der Rhythmusriffs geht. Bemerkbar macht sich dies vor allem im zweiten Viertel des finalen Titels "Enfants du Lys", das mit einem ungeheuer mächtigen Hintergrundriff, welches in steigender Geschwindigkeit vom Schlagzeug umspielt wird, ebenso deutlich macht, dass Forteresse ihr Handwerk in Sachen Spannungsaufbau beherrschen.
Wenn man der Platte etwas vorwerfen muss, dann dass es ihr manchmal an Kompaktheit beziehungsweise dem richtigen Timing fehlt. "Mon Esprit Rôde Toujours" fährt beispielsweise zu Beginn vor allem dank des optimal akzentuierten und stimmigen Drummings und des vor Epik nahezu überlaufenden Eingangsriffs dermaßen starke Geschütze auf, dass es einem vor Ehrfurcht ganz anders wird. Mit zunehmendem Tempo und Verlauf verliert sich das Flair jedoch etwas und kommt im Gewaltgeblaste zu sehr unter die Räder, als dass man dem Spannungsbogen noch große Überlebenschance einräumen könnte. Ähnliches gilt auch für "Le Triomphe des Douze", das bei aller Trümmerfreudigkeit dennoch den Eindruck vermittelt, als ob die Kanadier nicht so recht wussten, wohin sie mit dem Stück wollen. Zum Glück wussten sie das in Bezug auf "Spectres du Solstice", denn sonst würde das Stück wohl kaum mit seinem erbarmungslos treibenden Schlagzeugspiel in Kombination mit den dezent chaotischen Gitarrenriffs sein derart hypnotisches und fast schon tranceartiges Ambiente verbreiten.
Es steht damit auch als Paradestück eines Albums, welches sich in seiner Stilsicherheit und Klangvollkommenheit wie eine unerschütterliche Festung präsentiert. Die Gesamtästhetik, die "Crépuscule D'Octobre" ausmacht, ist alles in allem von einer Imposanz und Eindringlichkeit, dass es schwerfällt, sich der andächtig-melancholischen Atmosphäre zu entziehen. Das sollte man aber eigentlich sowieso nicht in nähere Erwägung ziehen, denn Forteresse beweisen mit ihrem Viertling wieder einmal, dass sie eine absolute Macht im Bereich des atmosphärischen Black Metals sind.

8.5 /10

Official Website

Sepulchral Productions

 

Nachtwall
04.05.2012