DØDSENGEL

Imperator (2CD 2012)


Auf dem Cover das rot schimmernde Universum sowie eine archetypische Darstellung des Menschen und dann auch noch der Albumtitel "Imperator" - man könnte Dødsengel ja durchaus einen gewissen Hang zum Größenwahn vorwerfen. Aber glaubt mir: Diese Art der Aufmachung und Titulierung ist letztendlich die einzige, die in Frage kommt, um den Dimensionen, die diese Platte annimmt, einigermaßen gerecht zu werden. Herrschaftsansprüche stellten Dødsengel ja nun bereits mit ihrem letzten Langspieler "Mirium Occultum" aus dem Jahre 2008, welcher im Bereich des okkulten Black Metals mehr als aufmerken ließ, dem es zur Thronbesteigung dann aber doch an der letzten Konsequenz und Präzision im Songwriting fehlte. So beeindruckend ein 20-Minüter wie "Evocation Of Amezarak" auch sein mag, ganz frei von Längen war er leider doch nicht. Vier Jahre später wagen die Norweger nun den erneuten Sturm an die Macht - und mit was für einer Wucht sie das tun! "Imperator" ist nicht einfach nur ein Album, es ist eine Ausgeburt des musikalischen Willens, gefasst auf zwei CDs mit imposanten 150 Minuten Spielzeit. Und es macht deutlich, welche Rolle Dødsengel mittlerweile zweifellos zusteht: Die als eine der Speerspitzen des modernen Black Metals.
Nun, wie packt man also ein solches Ungetüm an? Welchen Auflösungsgrad wählt man? Bildlich gesprochen gibt es vor allem eine Essenz, die "Imperator" vollständig durchsetzt: Nämlich die okkulte Besessenheit, welche zum Beispiel Stücke wie "Sun On Earth" oder "Leap" schier in Flammen stehen lässt. Vor allem "Sun On Earth" ist ein Paradebeispiel dafür, wie es den Nordlichtern gelingt, in gerade einmal dreieinhalb Minuten eine derart intensive Stimmung und atmosphärische Dichte heraufzubeschwören, dass einem Hören und Sehen vergehen. Dødsengel ziehen die Intensitätsschraube immer weiter an, bis mit dem Finale des Stückes die elektrisierende Spannung in einem Ausbruch an Wahnsinn entladen wird. Instrument dieser vertonten Manie ist vor allem das Organ von Sänger Kark, der sein Spektrum im Vergleich zum Vorgängeralbum um ein vielfaches erweitert hat. Zeigte sich das stimmliche Repertoire auf "Mirium Occultum" vor allem durch Black-Metal-typisches Gekrächze mit vereinzeltem Klargesang gekennzeichnet, wütet nun auf "Imperator" so ziemlich jede Form, mit der die menschliche Stimme ekstatische Ergebenheit zum Ausdruck bringen kann. Die keifenden Growls wären da nur ein Aspekt, der fast noch überschattet wird von dem, was im Bereich des Klar- und des Schreigesangs abläuft. Ersterer ist ein ums andere Mal dazu dienlich, eine getragene Feierlichkeit zu verbreiten, die wiederum speziell Liedern wie "Holy Metamorphosis" oder "Attainment" den spirituellen Geist einhaucht, der dieses Opus als Ganzes so besonders macht. Immer wieder gleitet der Klargesang dabei auch in Eruptionen des glühenden Wahns ab, welche ihn im direkten Kontrast optimal von den raueren stimmlichen Lagen abzuheben wissen. Wenn im Schlussakt von "Darkness" die Worte "She was the Universe" mit einer derartig verzweifelt-manischen Intonation erschallen, ist das in Sachen Dramatik einfach das Nonplusultra. Diese Mischung aus lodernder Ekstase und schwelender Qual prägt sich auch dem Schreigesang deutlich auf, zumal der Übergang zwischen beiden Sangesformen sowieso fließend ist. Für mich steht jedenfalls fest: Wer den Mittelteil von "The Serpent's Head" nicht gehört hat, kann wahrlich kaum erahnen, wie gemartert und gefoltert ein Mensch sich wirklich die Seele aus dem Leib schreien kann. Ähnliche Ausmaße nimmt auch das den Irrsinn ins Gemüt des Hörers säende "Momentum: On the Devil & Death" an.
Beteiligt an dieser Inbrunst ist selbstredend auch die musikalische Umsetzung, bei derer sich Dødsengel nach wie vor relativ einfacher Mittel bedienen. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthies - mehr braucht es nicht. Entscheidender ist sowieso, was man daraus macht, und an dieser Stelle lassen sich im Vergleich zum Vorgängerwerk deutliche Fortschritte ausmachen - vor allem, was die Komposition angeht. Obwohl die Spielzeit mehr als verdoppelt wurde, ist "Imperator" weitestgehend frei von den Längen, die sich bisweilen noch auf "Mirium Occultum" herumtrieben und dem Werk eine gewisse Ziellosigkeit angedeihen ließen. Anno 2012 wissen Dødsengel ganz genau, wo sie hin wollen und vereinigen die verschiedenen Stile in nahezu perfekt auf den Punkt gebrachten Arrangements. Ob rasende Höllenritte wie "Momentum: On the Devil & Death", epische Lobgesänge wie "Hymn to Pan", finstere Brocken wie "Towers of Derinkuyu" oder melancholische Elegien wie "Asphyxia" - es gibt kaum eine Stimmung, die Dødsengel in diesen knapp zweieinhalb Stunden nicht zu transportieren wissen. Gut getan hat auch die Veränderung des Klanggewands, die vom eher verrauchten Sound der "Mirium Occultum" hin zu einer aufgehellten und klareren Vertonung der Riffs geführt hat. Immer wieder erheben sich gleißend strahlende Melodien über das Geschehen und üben sich im Wechselspiel mit beklemmend erdrückenden Tieftoneinlagen. Es entsteht unweigerlich der Eindruck, dass die beiden Norweger wirklich das Maximale aus dieser Platte herausgeholt haben und ihr auch die nötige Detailarbeit angedeihen haben lassen. Wenn in "Leap" die Gitarrenläufe zwischen dem linken und rechten Audio-Kanal hin und her wabern, ist das nicht nur ein großartiger Einfall, sondern auch der Beweis dafür, dass nicht einfach jede noch so belanglose Idee auf Tape gebannt wurde, um auch ja das Doppelalbum vollzukriegen. Nein, vielmehr ist es eine absolut logische Konsequenz, dieses Werk in einer solchen monströsen Gewaltigkeit zu veröffentlichen, denn selbst mit dem letzten verklingenden Ton besitzen Dødsengel eine Relevanz, die manch anderer Band bereits beim ersten Takt abhanden kommt.
"Imperator" steht nun in meinen Augen als der unumstrittene Primus der Veröffentlichungen des Jahres 2012, wenn nicht sogar der letzten Jahre. Dieses Album schlägt die Brücke zwischen den althergebrachten Wurzeln und den modernen Vertretern dieses Genres, es haucht dem Black Metal ungeahntes Leben ein und entzündet mit seiner unentrinnbaren Manie immer wieder aufs neue die Leidenschaft, die diese Form der Kunst so besonders macht. Dødsengel besingen auf dieser Platte nicht nur "Pan" - sie lassen "Imperator" selbst zu "Pan" (altgriechisches Wort für "alles") werden, denn diese Platte ist so vollständig, so umfassend, dass sie keinen Raum für andere Musik übrig lässt. Dieses Album beherrscht den Geist des Hörers über 150 Minuten, es zwingt ihm seinen unfehlbaren Willen auf und es lässt vor allem mir keine andere Wahl, als die volle Punktzahl zu zücken.

10 /10

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Nachtwall
16.10.2012