SAUROCTONOS

Our Cold Days Are Still Here When the Lights Are Out (CD 2012)


"Black Metal muss satanisch sein" - das ist eine Aussage, über die man auch nach knapp 20 Jahren Genrehistorie und zahlreichen Weiterentwicklungen immer noch gelegentlich stolpert. Und zweifellos: Manche Bands zehren auch anno 2012 von ihrem okkulten Mystizismus, der sich zwischen Traditionsbewusstsein und musikalischer Radikalisierung bewegt und in diesem Spannungsfeld leider bisweilen auch immer wieder an die Grenzen dessen stößt, was man als Hörer noch als authentisch bezeichnen kann. Umso positiver hebt sich da eine Truppe wie Sauroctonos ab, die für ihren Namen zwar schon mal den skeptischen Blick erntet, den andere orthodoxere Bands für ihr ultragrimmiges Auftreten einfahren, dabei aber dennoch angenehm auf dem Boden geblieben ist. "Our Cold Days Are Still Here When The Lights Are Out" hält sich weit von jeglichem Pandabärentum entfernt und schreibt sich stattdessen vor allem eines auf die Fahne: Ehrliche Musik, die absolut immer glaubwürdig bleibt. Und das ist schon mal ein dickes, fettes Ausrufezeichen, wenn man bedenkt, dass wir es hier mit dem ersten Lebenszeichen der Band zu tun haben.
Dass man den drei Ukrainern ihr dunkelbuntes Treiben so bedingungslos abkauft, liegt vor allem daran, dass ihr Debüt über ein bemerkenswertes Ausmaß an Stil verfügt. Ja, es wird melancholisch und ja, es wird emotional - aber es wird niemals schmalzig-kitschig und schon gar nicht wird krampfhaft auf des Hörers Tränendrüse rumgesprungen. Ganz besonders den recht häufigen Akustikabschnitten merkt man dabei an, dass sie zwar ergreifend sind, aber dennoch deutlich auf Abstand zu jeglicher primitiver Lagerfeuerromantik gehen. Für solche Anbiederungen wirkt die Platte auch viel zu gründlich durchdacht, zumal die avantgardistischen Elemente da sowieso ihr übriges tun. Ja, das mag jetzt den Herzschlag so manches Hartgesottenen aussetzen lassen, aber Sauroctonos wagen es tatsächlich, hier und da elektronische Beats einzusetzen. Im konkreten Fall ist es aber auch genau solch ein Stilbruch, der dem akustischen Zwischenspiel eines "Lights Out" erst zu wahrer Größe verhilft. Doch damit noch nicht genug: Auch der synthetischen Klänge hat sich der ein oder andere auf "Our Cold Days Are Still Here When The Lights Are Out" verirrt. Und der finale Stoß ins Herz des Puristen dürfte das fast schon poppige Bassriff sein, welches das grandiose Finale des Abschlussstücks "Farewell" einleitet. Zugegeben: Das klingt alles zunächst in der Tat ein wenig ungewohnt, bleibt dabei aber dennoch immer perfekt ins musikalische Grundgeschehen eingebettet und wird vor allem niemals aufdringlich oder effektheischerisch. Abgesehen davon ist die gekonnte Symbiose zwischen klassischen und verzerrten Gitarren bei all der avantgardistischen Spielerei dann doch das, was "Our Cold Days Are Still Here When The Lights Are Out" im Kern ausmacht. Sauroctonos gelingt demnach durchaus ein Kunststück: Sie sprengen die Grenzen des Genres und bleiben dennoch stets mit seinem Fundament verwurzelt.
Oft genug bekommt man nämlich auch das geliefert, was man dann doch von einer BM-Band erwartet: Schrammelnde Gitarren, treibende Blastbeats und trockener Krächzgesang. Und diese Bestandteile werden zudem mit einem ausgesprochenen Gespür dafür eingesetzt, wann man eine Komposition einfach mal sich selbst überlassen sollte, um damit vollends die hypnotische Kraft des Black Metals zu entfesseln. Wuchtiges Schlagwerk mit durchgedrückter Doublebass, ein betäubendes Riff und vor allem Raum zur Entfaltung - fertig ist der mitreißende Mittelteil des sowieso unheimlich starken "My Name Escapes Me".
Enorm eindrucksvoll zeigt sich auch die dissonante, aber doch irgendwie unheimlich melodische Akkordarbeit, die dabei von einer unmissverständlichen Aussagekraft ist. Wo andere Bands irgendeine arme Sau brauchen, die ins Mikro wimmert, damit das ganze auch ja bitte irgendwie melancholisch klingen möge, vertraut das ukrainische Trio völlig zu Recht auf seine imposante Instrumentalfraktion zur Gestaltung der grauen Klangbauten. Vielleicht rührt die eingangs erwähnte Authentizität dieses Albums einfach auch daher, dass seine musikalische Perspektive so wohltuend realistisch und nüchtern ist. Klar, nach grünen Wiesen mit hoppelnden Häschen klingt das Ganze nie, aber dennoch ist immer wieder Platz für Post-Rock-Anleihen, die fast schon von einer gewissen Beschwingtheit bei all der introvertierten Grübelei zeugen. Sich selbst Grenzen aufzuerlegen, erscheint diesem Werk völlig unsinnig und vielleicht ist genau das auch seine Botschaft: In sich gekehrt sein und dennoch eine ganze Welt entdecken.
Entdecken ist hier sowieso ein gutes Stichwort - Scheuklappen-Schwarzmetaller sollten sich mal schleunigst den Stock aus dem Allerwertesten ziehen und über ihren Schatten springen, denn angesichts eines eher durchwachsenen Black-Metal-Jahrganges 2012 wäre es grob fahrlässig, ein Juwel wie dieses hier zu ignorieren. Allzu gerne wird ja im Bezug auf Erstveröffentlichungen die abgedroschene Metapher vom "ungeschliffenen Diamanten" verwendet - das Geld fürs Phrasenschwein kann man sich im Falle von Sauroctonos jedoch alleine schon deswegen sparen, weil "Our Cold Days Are Still Here When The Lights Are Out" für ein Debüt bereits von einer bemerkenswerten Ausgefeiltheit und musikalischen Raffinesse ist. Zum Niederknien gut wirds aber vor allem dadurch, dass sich zu dieser kompositorischen Reife auch noch mehr als reichlich die typische Unverbrauchtheit und Inspiriertheit einer Nachwuchsband hinzugesellt. Und das ist nicht nur eine ausgesprochen seltene Kombination, sondern auch eine, die den Kritiker in mir in absolute Verzückung versetzt.

9 /10

Official Website

ARX Productions

 

Nachtwall
21.12.2012


Redaktionsbewertung:
Erik 8 Nacht 9
Gesamtdurchschnitt: 8.5